Englische Aussprache für Deutschsprachige: W/V, TH und behauchte Laute üben
W/V, TH und Aspiration im Englischen: drei körperliche Checks für Deutschsprachige, mit Beispielen, Fehlerdiagnose und kurzen Satzübungen.
Für diese drei Ausspracheprobleme brauchst du nicht drei Seiten Regeln, sondern drei verschiedene Sensoren: Lippen und Zähne für W/V, Zunge plus Stimme für TH und einen sichtbaren Luftstoß für behauchte p, t, k.
Das Gemeine daran: Dein Mund macht oft etwas völlig Logisches. Beim englischen W zieht die deutsche Schreibgewohnheit Richtung /v/. Beim TH fehlen im Deutschen die beiden englischen Dentalfrikative /θ/ und /ð/. Und bei p, t, k ist der Fehler nicht „Deutsch hat keine Behauchung“ – Deutsch und Englisch nutzen beide Aspiration. Entscheidend ist, wann der Luftstoß stark ist.
Nimm zunächst nur den angekreuzten Bereich. Dieses Drei-Sensoren-Labor ist eine praktische FunFluen-Übungsstruktur, kein diagnostischer Test und keine wissenschaftliche Messskala.
Sensor 1: W/V – prüfe den Kontakt, nicht den Buchstaben
Das englische /v/ und /w/ sehen im Alphabet ähnlich aus, werden aber ganz anders gebaut. /v/ ist ein stimmhafter labiodentaler Frikativ: Die oberen Schneidezähne liegen leicht an der Unterlippe, und die Luft reibt durch den schmalen Spalt. /w/ ist dagegen ein stimmhafter labial-velarer Approximant: Die Lippen runden sich, der Zungenrücken hebt sich, aber die Zähne berühren die Unterlippe nicht. UCL führt /w/ entsprechend als voiced labial-velar approximant. UCL: IPA sounds
Für Deutschsprachige kommt eine orthografische Falle dazu: Im Deutschen besteht eine reguläre Verbindung zwischen dem Buchstaben W und dem Laut /v/. Forschung zu deutschen Englischlernenden beschreibt deshalb /w/ → [v] als plausible bzw. beobachtete L1-beeinflusste Substitution – nicht als Fehler, den jede deutschsprachige Person automatisch macht. Sociolinguistic monitoring and L2 speakers of English
Der 5-Sekunden-Kontakttest
- Sag langsam very. Spüre den Kontakt zwischen oberen Zähnen und Unterlippe.
- Sag jetzt we. Runde die Lippen, aber lass die Zähne weg.
- Wechsle: very – we – very – we.
- Dann setze beide Gesten in einen Satz: We visited Vienna.
Wenn bei we wieder die Zähne auf der Unterlippe landen, ist das kein rätselhaftes „Akzentproblem“. Du hast einfach den /v/-Kontakt in die falsche Stelle getragen.
Was kann der Hörer tatsächlich hören?
Bei einer starken Verschiebung Richtung /v/ kann wine näher an vine klingen oder west näher an vest. Das heißt nicht, dass ein Hörer dich zwingend missversteht – Kontext hilft oft. Der Kontrast ist im Englischen aber bedeutungsunterscheidend, deshalb lohnt sich die saubere Trennung.
Mini-Reparatur: Mein englisches W klingt immer noch wie V
Starte nicht mit dem ganzen Wort. Forme nur eine kurze gerundete Gleitbewegung in den nächsten Vokal: oo → we, oo → win. Sobald die oberen Zähne die Unterlippe berühren, zurück zum gerundeten Start. Danach erst wieder den ganzen Satz sprechen.
Sensor 2: TH – prüfe Zunge, Luft und Stimme getrennt
Englisches TH steht für zwei verschiedene Laute: das stimmlose /θ/ wie in think, three, bath und das stimmhafte /ð/ wie in this, those, mother. Beide sind Dentalfrikative. Der Unterschied ist vor allem die Stimmgebung: Bei /ð/ vibrieren die Stimmlippen, bei /θ/ nicht. Der British Council empfiehlt für /θ/ eine Zungenposition an bzw. leicht zwischen den oberen Frontzähnen und arbeitet ausdrücklich mit dem Luftstrom. British Council: Problems with ‘th’ words
Wichtig für die L1-Perspektive: Untersuchungen zeigen bei deutschen Lernenden mehrere Ersatzmuster. Für /θ/ wurde zum Beispiel häufiger [s] beobachtet, daneben auch [t], [f] und weitere Realisierungen. Das ist gerade der Grund, warum „Deutsche sagen TH immer als …“ eine schlechte Regel ist. A Neurophysiological Investigation of Non-native Phoneme Perception by Dutch and German Listeners
Der Drei-Punkt-TH-Test
| Sensor | /θ/ wie think | /ð/ wie this |
|---|---|---|
| Zunge | Spitze an/leicht zwischen den Frontzähnen | gleiche Grundposition |
| Luft | kontinuierliche Reibung | kontinuierliche Reibung |
| Stimme | kein Summen im Hals | Summen im Hals |
Lege zwei Finger locker an den Kehlkopf und wechsle:
thin – this – thin – this
Die Zungenposition bleibt ähnlich, aber beim zweiten Laut sollte die Stimmgebung deutlich anders sein. Das ist ein nützlicherer Check als „TH klingt irgendwie komisch“.
Drei typische Ersatzrichtungen – als Diagnose, nicht als Schublade
- /θ/ → [s]: three kann näher an einem sree-artigen Beginn liegen.
- /θ/ → [f]: three kann sich Richtung free verschieben; hier existiert sogar ein anderes englisches Wort.
- /ð/ → [d] oder [z]: Wörter wie this oder those verlieren den dentalen Reibelaut und können entsprechend anders klingen.
Das sind mögliche akustische Richtungen, keine Garantie dafür, was ein konkreter Hörer versteht.
TH in echte Sprache übertragen
Ein isoliertes /θ/ ist nur die Werkbank. Sag danach sofort kurze, brauchbare Phrasen:
- three things
- think about it
- this Thursday
- those are mine
Bei this Thursday kommt der eigentliche Härtetest: erst stimmhaftes /ð/, kurz darauf stimmloses /θ/. Wenn beide gleich klingen, prüfe nicht „mehr TH“, sondern nur noch den Stimm-Sensor.
Sensor 3: Behauchte p, t, k – prüfe den Kontext des Luftstoßes
Hier ist die wichtigste Korrektur zuerst: Deutsch kennt Aspiration bereits. Phonetische Forschung klassifiziert Englisch und Deutsch als sogenannte aspirating languages: Bei stimmlosen Plosiven kann ein deutlich positiver Voice Onset Time auftreten – vereinfacht gesagt liegt zwischen der Verschlusslösung und dem Einsetzen der Stimme ein hör- und messbarer Luft-/Zeitabstand. Voice Onset Time and beyond: Exploring laryngeal contrast in 19 languages
Du musst also nicht lernen, „endlich Luft zu benutzen“. Du musst die englische Verteilung kalibrieren. In vielen betonten silbeninitialen Positionen werden /p t k/ deutlich aspiriert. Nach /s/ ist diese starke Aspiration typischerweise unterdrückt.
Der Papier-Test: pin gegen spin
Halte einen sehr leichten Papier- oder Taschentuchstreifen locker ein paar Zentimeter vor den Mund. Er ist nur eine grobe Visualisierung des Luftstroms – kein Pass/Fail-Test, keine VOT-Messung und kein Beweis für „richtige“ Aussprache.
- Sag pin. Beobachte den Luftstoß nach dem /p/.
- Sag spin. Nach /s/ sollte der starke zusätzliche Hauch deutlich geringer sein.
- Teste dasselbe Prinzip mit top – stop und key – ski, wobei die Wörter natürlich nicht als Minimalpaare gedacht sind.
Der Sinn ist nicht, das Papier maximal durch den Raum zu katapultieren. Wenn dein Taschentuch eine Nebenrolle in einem Actionfilm bekommt, trainierst du gerade Luftmenge statt Aussprache.
Was Aspiration nicht ist
- Sie ist hier kein eigener englischer Phonemkontrast, den du wie ship/sheep als Minimalpaar lernen würdest.
- Sie bedeutet nicht, dass jedes geschriebene p, t, k immer mit maximalem Hauch gesprochen wird.
- Sie bedeutet nicht, dass deutsches /p t k/ grundsätzlich unbehaucht wäre.
Die nützlichere Frage lautet: Ist mein Luftstoß für diese Position plausibel verteilt?
Der komplette Drei-Sensoren-Durchlauf
Nimm diesen Satz:
We think Paul will take the train.
- W/V-Sensor: Bei We runden sich die Lippen ohne Zahnkontakt.
- TH-Sensor: Bei think liegt die Zunge dental, die Stimme bleibt beim /θ/ aus.
- Aspirations-Sensor: Bei den betonten Anfängen von Paul und take achtest du auf einen natürlichen Hauch nach dem Plosiv.
- Dann sag den Satz noch einmal in normalem Tempo und höre nur, ob die drei Zielstellen noch da sind.
Was, wenn der Satz langsam klappt, normal aber wieder zusammenfällt?
Dann trainiere nicht alle drei Sensoren weiter. Wähle die eine Stelle, die im normalen Tempo zuerst kippt, und nimm nur diese in eine kurze Phrase. Zum Beispiel we will, three things oder take the train. Erst danach wieder in den ganzen Satz.
So nutzt du echte Videozeilen, ohne das Labor zu verlieren
Die manuelle Methode reicht: kurze Zeile finden, einen Sensor wählen, hören, produzieren, wieder normalisieren. Wenn du das mit echten Videozeilen machen willst, können in FunFluen Satznavigation, Wiederholung und feinere Wiedergabegeschwindigkeit helfen, dieselbe Zeile gezielt erneut zu hören. Mit vorhandenen Untertiteln und Originalaudio kannst du danach auch einen Speaking-Durchlauf machen.
FunFluen misst dabei keine exakte VOT, diagnostiziert deinen Akzent nicht perfekt und garantiert keine bestimmte Aussprache.
FunFluen-Erweiterung ansehen, wenn du eine Zeile gezielt wiederholen und nachsprechen willst. Der erste Schritt ist, die Erweiterungsseite anzusehen; diese konkrete Übung ist nach dem Klick nicht automatisch vorgeladen.
Dein Ziel ist nicht „weniger deutsch“ – sondern ein sauberer Sensor
Wenn dein W abrutscht, prüfst du Kontakt. Wenn dein TH abrutscht, prüfst du Zunge und Stimme. Wenn p, t, k flach wirken, prüfst du den Kontext des Luftstoßes. Das ist viel präziser als die Diagnose „Mein deutscher Akzent ist schlecht“.
Deutschsprachige Lernende teilen nicht einen einzigen Aussprachefehler. Aber Deutsch und Englisch verteilen einige Laute und Buchstaben unterschiedlich – und genau diese Unterschiede kannst du hörbar und körperlich kontrollieren.
Weitere englische Aussprache- und Sprachlernübungen auf FunFluen Deutsch
Quellen
- Sociolinguistic monitoring and L2 speakers of English – zu L1-beeinflussten /w/- und /θ/-Substitutionen bei deutschen Englischlernenden.
- A Neurophysiological Investigation of Non-native Phoneme Perception by Dutch and German Listeners – zu dokumentierten /θ/-Substitutionsmustern deutscher und niederländischer Lernender.
- British Council: Problems with ‘th’ words – praktische Zungenposition für /θ/.
- UCL IPA sounds – Klassifikation von /w/ als stimmhafter labial-velarer Approximant.
- Voice Onset Time and beyond: Exploring laryngeal contrast in 19 languages – Englisch und deutsche Varietäten als aspirierende Sprachen im untersuchten VOT-Vergleich.